Polnische Krimibücher für den Herbst – Teil 1

Der Herbst ist die beste Zeit, um Bücher zu lesen. Ich versuche euch wieder mit polnischer Literatur ein bisschen zu begeistern. Für die langen, dunklen Abende schlage ich polnische Krimiromane vor.

Die Schriftstellerin Katarzyna Bonda ist in Polen allen bekannt, die gerne Krimis lesen. Die spanende Krimiserie von Bonda, die ins Deutsche übersetzt worden ist, heißt: „Vier Elemente mit Sasza Załuska“ und erzählt über eine Profilerin aus Danzig.

Der erste Teil „Das Mädchen aus dem Norden“ (polnischer Titel – Pochłaniacz) wird euch in eine Welt voller Geheimnisse führen. Am selben Tag im 1993 Jahr wird unter unklaren Umständen ein jugendliches Geschwisterpaar getötet. Die Polizei stuft beide Todesfälle als tragische, voneinander unabhängige Unfälle ein und schließt die Akten. Zehn Jahre später befasst sich die Profilerin Sasza mit einem mysteriösen Fall, in welchem der Inhaber eines Musikclubs in Sopot eine wichtige Rolle spielt. Es stellt sich schnell heraus, dass der Fall im Club mit den Ereignissen von 1993 zusammenhängt und die ermordete Person wusste, wer für den Tod der Geschwister verantwortlich war. Einer der Schlüssel zum Lösen des Rätels könnte ein Lied aus der damaligen Zeit sein. Die Protagonistin setzt alles daran, den Fall aufzuklären, wird dies aber später bereuen.

Letztes Jahr erschien in der deutschen Übersetzung auch der zweite Band. Auf Polnisch „Okularnik“ heißt er hier „Der Rat der Gerechten“. Dieses Mal nimmt Załuska an einer traditionellen belarussischen Hochzeit teil und wird Zeugin dramatischer Ereignisse. In den umliegenden Wäldern werden seit einiger Zeit menschliche Überreste gefunden. Ganz plötzlich verschwindet während der Hochzeit die Braut. Ans Licht kommen dunkle Geheimnisse der Bewohner der Stadt, die stark mit der Vergangenheit verbunden sind. In den Augen von Sasza verwandelt sich die idyllische Stadt in eine Arena blutiger Berichte, in der polnisch-belarussische Gegensätze mit voller Wucht zum Leben erwachen.

Beide Bücher sind voller Emotionen. Neben großartig gebauten Charakteren gibt es hier eine süchtigmachende und spannende Handlung. Die ganze Zeit geschehen dramatische Dinge, die den Leser erschauern lassen. Am Ende ist man zuererst einfach sprachlos. Obwohl die Bücher dick sind, lassen sie sich schnell lesen. Deswegen mag ich den leichten Schreibstil von Bonda und lade euch ein, ihn auch kennenzulernen.

Ein Beitrag von Iwona Smól

Katarzyna Bonda, „Das Mädchen aus dem Norden“, Aus dem Polnischen von Paulina Schulz, ISBN: 978-3-453-43926-9, Heyne 2018, 656 Seiten

Katarzyna Bonda, „Der Rat der Gerechten“, Aus dem Polnischen von Saskia Herklotz, Andreas Volk, Heyne 2019, 704 Seiten, ISBN: 978-3-453-27075-6

Festival „Tu i tam – hier und dort“

Künstlerische Positionen im deutsch-polnischen Dialog, 22.-25. Oktober 2020

Die Deutsch Polnische Gesellschaft München lädt im Oktober Kulturschaffende aus verschiedenen Disziplinen ein, um miteinander in den Dialog zu treten.

Fragen nach einer künstlerischen Zivilgesellschaft, globale Themen wie die Klimakrise, aber auch Momente der Vergangenheitsbewältigung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität werden im Fokus der unterschiedlichen Positionen aus Theater, Performance, Film und Literatur stehen.

Unter anderem mit dabei: Theater Węgajty, Brygida Heibig, Leszek Żądło, Weronika Zalewska, Alexandra Wesołowski.

Vernissage der Video-Installation von Weronika Zalewska

Mit freundlicher Unterstützung von Ahoj Nachbarn e.V.:

Vollständiges Programm siehe auch: http://www.pathosmuenchen.de/news/2020/10/20/festival-tui-i-tam-hier-und-dort/

„Liebe kennt keine Grenzen“, eine Ausstellung von Munich Kyiv Queer

Ich heiße Kamil Safin und bin seit einem halben Jahr Mitglied von Ahoj. Außerdem bin ich seit zwei Jahren in der Kontaktgruppe Munich Kyiv Queer tätig. Diese Gruppe pflegt den Kontakt zwischen den beiden Partnerstädten München und Kyjiw, der Hauptstadt der Ukraine. Wir setzen uns dort für die LGBTI*-Community und ihre Menschenrechte ein mit politischen Aktionen, Kulturveranstaltungen, fachwissenschaftlichen Workshops, einem Jugendaustausch etc.

Unabhängig davon, dass ich selber aus Russland komme, finde ich die Aktivitäten zwischen diesen zwei schönen Städten nicht nur wichtig, sondern auch sehr abwechslungsreich. Man kann mal in einem Chor mitsingen und nach Odesa fahren, Aktivist sein und zum „Marsch der Gleichheit“ fahren, um die einheimische Community in ihrem Kampf um Menschenrechte zu unterstützen, oder an einem Kulturaustausch teilnehmen und vieles mehr.

Dieses Jahr fand in München eine sehr spannende Ausstellung statt: „Liebe kennt keine Grenzen“, heißt sie. Trotz der coronabedingt begrenzten Anzahl von Teilnehmer*innen gab es bei der Vernissage am 9. Juli im Hintergebäude des Senior*innenheims Münchenstift, die das Projekt finanzieren, ein gemütliches Treffen zwischen Aktivist*innen, Politiker*innen und Künstler*innen. Das Designerduo Braty, Zwillingsbrüder aus Kyjiw, erzählen in zwölf tollen Collagen die Geschichte der Kontaktgruppe Munich Kyiv Queer. Es geht darin um besondere, um Herzensmomente, die ehemalige und heutige Mitglieder von Munich Kyiv Queer und die Teilnehmer*innen ihrer Veranstaltungen in der nun schon fast zehn Jahre währenden Existenz der Gruppe erlebt haben.

Auch ich durfte meine Geschichte erzählen. Hier ist sie:

„Erst bei Munich Kyiv Queer habe ich verstanden, dass ich unter internalisierter Homophobie leide. Es gab da diesen Moment, als ein Gast aus der ukrainischen Delegation, die zum CSD nach München gereist war, sagte: ‚Меня зовут Анжела Калинина и я мама гея‘. Auf Deutsch heißt das: ‚Ich heiße Anzhela Kalinina und ich bin die Mutter eines schwulen Sohns. Diese Worte in meiner Muttersprache haben mich angeekelt. Das war im Juli 2018 während der PrideWeek.“

Außerdem gehe ich in dieser Geschichte auch auf meine Einstellung gegenüber der Ukraine ein, was mir besonders wichtig ist, da ich das einzige russische Mitglied der Kontaktgruppe bin. Genauer erzähle ich es in meinem Herzensmoment: „Wegen des Krieges darf ich heutzutage kaum noch sagen, dass ich aus Russland komme und die Ukraine liebe. Meine Freund*innen unterstützen mich darin, aber Fremde hinterfragen das, im schlimmsten Fall beschimpfen sie mich.“

Die Ausstellung hängt abwechselnd in unterschiedlichen Häusern von Münchenstift und das noch für mindestens zwei Jahre. Trotz Corona kann man sie schon online genießen unter https://www.liebe-kennt-keine-grenzen.de. Außerdem werdet Ihr dort das Grußvideo der beiden Künstler Ivan und Vasyl Kostenko finden, was wir am Abend des 9. Juli als Premiere auf dem großen Bildschirm im großen Atrium von Münchenstift gesehen haben.

Danach hatten wir eine tolle Begehung Bild für Bild. Unter den Collagen waren welche mit der ehemaligen Stadträtin Lydia Dietrich, der Buchautorin Stephanie Gerlach, den trans* Männern Christian Schabel-Blessing, Jonas Fischer und viele andere mehr. Diese Ausstellung ist sehr empfehlenswert, weil man in München so etwas noch nie gesehen hat; es ist so bunt und vielseitig.

Fotos: Kamil Safin und Thomas Kaiser

ABGESAGT: Offener Treff im März

Leider muss der Offene Treff aufgrund der Corona-Krise abgesagt werden. Damit ihr weiterhin im Austausch mit Kultur und Kunst aus Ost(mittel)europa bleiben könnt, teilen wir mit euch in den kommenden Wochen auf Facebook und über unserem Newsletter Online-Tipps, wie z.B. Podcasts, Dokus, Filme usw. Bleibt gesund und besonnen!

Eure Ahojskis

„Die Jakobsbücher“ von Olga Tokarczuk

Ahoj-Mitglied Katrin Hillgruber hat über den Roman der polnischen Nobelpreisträgerin eine spannende Rezension verfasst, die wir euch nicht vorenthalten wollen:

Tollkopf oder Heiliger

Roadmovie über einen Ketzer:
Olga Tokarczuks Roman „Die Jakobsbücher“ ist eine Lektüre für Liebhaber

Etwas verschlafen wirkt das westukrainische Brody heutzutage, von seiner bewegten Geschichte lässt es nur wenig erahnen. In der Geburtsstadt des Schriftstellers Joseph Roth, dessen Statue vor dem Gymnasium thront, endete einst das Eisenbahnnetz der österreichischen Kronprovinz Galizien, denn hier verlief die Grenze zum russischen Reich. Die Alte Synagoge, einst Lebensmittelpunkt der jüdischen Bevölkerungsmehrheit, besteht nur noch aus einer riesigen Ruine, in der Bäume wachsen. Die Stadt Brody spielt in Olga Tokarczuks Roman „Die Jakobsbücher“ eine wichtige Rolle. Denn im Jahr 1756 wurde dort über Jakob Joseph Frank, den Helden ihres 1200-Seiten-Roadmovies, der Bann verhängt. Für Kaiserin Maria Theresia steht fest: „Doch wuszte dieser vom Satan besessene Mann die Menschen zu umgarnen.“ Das „sz“ ist eines der Stilmittel, das die Übersetzer Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein verwenden, um dem Roman Patina zu verleihen.

Der Ortsrabbiner von Brody hatte veranlasst, dass der selbsternannte Messias Frank wegen angeblichen Ketzertums und seines ausschweifenden Lebenswandels angeklagt und verhaftet wurde. „Frank stützte sich auf auf popularisierte kabbalistische Ideen der Sabbatianer und der Seelenwanderung, verkündete Lebensfreude und Verbindung mit Gott durch Ekstase“, vermerkt das von Julius Schoeps herausgegebene „Neue Lexikon des Judentums“. Frank und die Seinen wollten sich von den Vorschriften des Talmud befreien und strebten ein freieres Leben an, für Olga Tokartschuk eine Art Idealgesellschaft, in der es „ohne Bedeutung war, wer Mutter oder Vater, Tochter oder Sohn, wer Frau, wer Mann. Denn wir unterscheiden uns nicht wesentlich. Wir alle sind Formen, die das Licht annimmt, sobald es die Materie streift.“

Nach mehreren Disputationen, die der „Contratalmudist“ gegen die Orthodoxen zunächst erfolgreich bestand, erkannte die katholische Kirche den zunehmenden Sektencharakter der sogenannten Frankisten. Dabei war Frank mit seiner Anhängerschaft zum Christentum übergetreten und wurde 1759 mit dem polnischen König als Paten getauft. Doch das hinderte ihn nicht daran, sich weiter als Messias feiern zu lassen und als Alchemist zu betätigen.

1760 wurde der von seinen Zeitgenossen als ausgesprochen charismatisch beschriebene Freigeist auf Anordnung der Kurie im Kloster auf dem Klarenberg in Tschenstochau interniert. Als die Stadt 1772 bei der ersten polnischen Teilung an Russland fiel, kam er frei und konnte sein legendenumwobenes Lebenswerk erfolgreich fortsetzen. Der 1726 als Sohn eines jüdischen Buchbinders im podolischen Korólówka (heute Borschtschiw in der Westukraine) geborene Jakub Leibowicz Frank starb am 10. Dezember 1791 im Kreise seines eigenen Hofstaats in Offenbach. Die Sekte wurde von seiner Tochter Ewa weitergeführt, der Tokartschuk ein Verhältnis mit Joseph II. andichtet, Sohn der Kaiserin Maria Theresia. Diese wiederum empfängt den weitgereisten Jakob Frank regelmäßig in ihrem Schönbrunner Schloss zu Plaudereien darüber, „ob das Klima in Stanbul angenehmer ist als in Wien, und warum diese Menschen Katzen den Hunden vorziehen. Mit eigener Hand gießt sie ihm aus einer zierlichen Kanne Kaffee nach, mit Milch soll er ihn trinken, so will es die neueste Mode.“

Olga Tokarczuk lässt die wundersame Lebensgeschichte ihres Helden von Mitgliedern seiner „Compagnie“ erzählen: „Wer so unverständig sich gebart wie Jakob auf seiner Reise zum Grab des Propheten Nathan, der musz ein Tollkopf sein oder ein Heiliger.“ Dennoch begleiten sie ihn treu auf dem Weg durch die Rzeczpospolita Polen-Litauen, das Osmanische Reich (wo Frank zum Islam konvertiert), das Habsburgerreich, das Königreich Böhmen und Mähren und schließlich ins Heilige Reich Deutscher Nation. Der engste Gefährte Piotr Jakubowski alias Nachman ben Samuel Lewi notiert über die letzte Station in Offenbach, wo Frank sich den Titel eines Barons zulegte: „Gestützt von zwei gestandenen Mannsbildern, den Kopf unter einer großen Kapuze verborgen, betritt er unter Mühen das Gotteshaus und bleibt dort eine Weile. […] Alle Gardisten in ihren papageienbunten Uniformen […] müssen diesem Schauspiel den Rücken zukehren, sie haben nun den ruhig dahinströmenden Main vor Augen und die Segel der Schiffe, zart wie Libellenflügel.“ An dieser Stelle zeigt sich Olga Tokartschuks Methode, historisch verbürgte Tatsachen, die sie rund zehn Jahre lang recherchiert hat, mit poetischen Einfällen zu sublimieren. Ganz in den magischen Realismus hebt der Roman ab, sobald die Seherin Jenta ins Spiel kommt, Jakobs Großmutter, die alle Zeiten überblickt. Auch auf diesen Tonfall eines raunenden Matriarchats muss man sich bei der Lektüre einlassen wollen.

1866 wird der städtische Offenbacher Friedhof verlegt und die Gebeine der „Neophyten“ und ihres Anführers müssen ausgegraben werden. Als es um Franks sterbliche Überreste geht, nimmt Tokartschuks Tonfall wieder die Nüchternheit einer Chronik an: „Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Schädel des Jakob Frank aus seinem Grab gehoben. Mit der Notiz versehen, dass es sich um den ‚Schädel eines jüdischen Patriarchen‘ handele, fand er sich in der Sammlung eines Offenbacher Historiographen wieder. Viele Jahre später gelangte er […] nach Berlin, wo er penibel untersucht und vermessen wurde. Nun galt er als Beweis der Unterlegenheit der jüdischen Rasse. Nach dem Krieg verlor sich seine Spur. Vielleicht hat eine Bombe ihn in Staub verwandelt, vielleicht blieb er erhalten und liegt bis heute im Kellergewölbe eines Museums.“

 

Neben „Deutschtümelei“ sind zwei weitere Topoi im nationalkonservativen Wunsch-Polen der PiS, das mit der Parlamentswahl vom Sonntag bestätigt wurde, besonders schlechtgelitten: Kritik an der als liberal und fortschrittlich verklärten polnisch-litauischen Adelsrepublik, die von 1386 bis 1772 existierte, sowie die Behauptung, auch in Polen habe es seit dem Mittelalter Pogrome gegen Juden gegeben. Bereits als sie 2015 den bedeutendsten nationalen Literaturpreis Nike für „Die Jakobsbücher“ („Księgi Jakubowe“) erhielt, wurde Tokartschuk als Vaterlandsverräterin beschimpft und bedroht. Mit ihrer gigantesken Lebensbeschreibung des Jakob Frank, mit der sie en passant eine Mentalitätsgeschichte des 18. Jahrhunderts vorlegt, geißelt die Autorin die glorifizierte Rzeczpospolita als repressiven Feudalstaat. Und auch die christlichen Pogrome an den Juden schildert sie ausführlich:  „Tschenstochau selbst […] füllt sich nach und nach mit jüdischen Flüchtlingen aus Podolien; dort ist der Hajdamaken-Aufstand ausgebrochen, die ersten Pogrome wüten. Die Flüchtlinge zieht es an den heiligen Ort der Christen, im Glauben, hier seien sie sicher vor der Gewalt, zumal sie sich geborgen fühlen dürfen unter den Fittichen des angeblichen Messias in seiner Klosterhaft. Schreckliche Geschichten bringen sie mit, von den aufgewiegelten Hajdamaken, die niemanden verschonen in ihrer Wut. Nachts ist der Himmel glutrot von der Lohe der brennenden Dörfer.“

Der reich illustrierte Roman in sieben Büchern ist als Hommage an hebräische Schriften rückwärts numeriert, was die Lektüre nicht unbedingt erleichtert. Er nötigt einerseits große Bewunderung ab, nicht zuletzt durch die heroisch zu nennende Leistung der Übersetzer Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Andererseits dürften „Die Jakobsbücher“ nur für Religionswissenschaftler beziehungsweise Judaisten auf Anhieb verständlich sein. Allen anderen sei ein gerüttelt Maß an Geduld angeraten. Es muss ja nicht gleich eine zweiwöchige Grippe sein, um Lesezeit zu gewinnen, wie Olga Tokartschuk am Vorabend der Nobelpreis-Verkündung ihren potentiellen Lesern empfahl. KATRIN HILLGRUBER

Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher. Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa Verlag, Zürich 2019. 1184 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 42 Euro.