„Koucure, stavej – Kater erscheine!“

Die Journalistin und Autorin Beate Franck hat ihre Liebe zu Tschechien zum BDSC_0104eruf gemacht. Egal ob sie Busfahrten in die abgelegendsten Winkel des deutsch-tschechischen Grenzgebietes organisiert, Bücher und Artikel über Böhmen verfasst oder als „Schutzengel“ das Pilsener Kulturleben „bewacht“. Im Interview erzählt sie von ihrer Arbeit im deutsch-tschechischen Kulturaustausch zwischen Vorurteilen und Völkerverständigung, verschwundenen Orten und virtuellen Katern.


Woher kommt deine Faszination für Tschechien?

Prag war meine erste Liebe in Böhmen, weil es bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Stadt mit Ausstrahlung war und das allen Touristen-Strömen zum Trotz geblieben ist. Inzwischen glaube ich aber, dass meine Faszination für Tschechien der Suche nach einer Heimat entspringt. Vertriebene, das ist empirisch belegt, übertragen ihren Kindern und Kindeskindern das Gefühl der Heimatlosigkeit. Die Familie meiner Mutter stammt aus Gleiwitz in Oberschlesien, heute Polen. Obwohl Gleiwitz eine sympathische Stadt ist, hat sie mir kein Heimatgefühl vermittelt. Tschechien aber hat seit Jahren eine solche Saite in mir erklingen lassen. In Pilsen habe ich nun auch einen Ort in Tschechien gefunden, wo sich mein Herz und meine Seele zu Hause fühlen.

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Auf dem Náměstí Republiky (Platz der Republik) in Pilsen (Foto: Beate Franck)

An was arbeitest Du gerade?

In den Sommermonaten will und muss ich ein Theaterstück schreiben. Hintergrund ist die Geschichte des Dorfes Výškovice/Wischkowitz bei Planá, das wie so viele andere zu den verschwundenen Orten im Sudetenland gehört. Das Stück wird in einzelnen Szenen direkt vor Ort gespielt werden, bei einem meiner Busausflüge im Herbst.
Warum gerade Výškovice? Dort haben Landschaftsarchitekten 2015 versucht, die Erinnerung an den Ort mit einem Symbol wiederzubeleben. Außerdem stehen noch Überreste einer Kapelle und eines Gedenksteins, so dass sich das Gelände auch gut als Kulisse eignet.

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Ansicht aus Výškovice (Foto: BF)

Wie ist Deine Erfahrung mit dem deutsch-tschechischen Kulturaustausch vor allem in Hinblick auf die Menschen auf beiden Seiten der Grenze?

Die Meinungen übereinander sind vor allem von Vorurteilen geprägt. Das klingt jetzt hart, ist aber immer noch so, obwohl die Grenzen seit 25 Jahren offen sind. Trotz der Nähe ist das jeweilige Nachbarland sowohl Deutschen wie Tschechen ziemlich fremd geblieben. Ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält: In Tschechien ist es gefährlich und nicht sicher. Für meine Buskundschaft, in der Regel Senioren, von denen viele Wurzeln im ehemaligen Sudetenland haben, ist deshalb eine Kulturtour mit mir ein geschützter Rahmen, der es ihnen ermöglicht, „sicher“ dorthin zu reisen bzw. so ihre alte Heimat wiederzusehen. Getreu meinem Motto „Tschechien wie es keiner (mehr) kennt“ fahre ich mit ihnen auch in viele Winkel abseits der Tourismuspfade. Das sowie Begegnungen mit „echten“ Menschen ist genau das, was vorgefasste Meinungen zum Positiven verändert. Umgekehrt gilt das ebenfalls: In der tschechischen Öffentlichkeit gibt es viele negative Meinungen über Deutsche, die vor allem durch die dort unverständliche Politik der deutschen Regierung hervorgerufen werden. Meine Bekannten in Pilsen finden es deshalb höchst erstaunlich, dass eine Deutsche bei ihnen leben will und freiwillig ihre schwere Sprache gelernt hat. Wenn ich sage, ich tue dies „aus Liebe zu Böhmen“ sind sie ganz gerührt.

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Damit die Engel an der Sankt-Bartholomäus-Kathedrale nicht frieren, haben die Pilsener für sie gestrickt. (Foto: BF).

Welche Tipps kannst Du anderen geben, die ein Projekt in diesem Bereich in Angriff nehmen möchten?

Wer grenzüberschreitende Projekte im Kulturbereich realisieren will, wird dies nicht ohne Fördermittel tun können. Damit eine solche Finanzierung gelingt, muss man viel Mühe im Vorfeld reinstecken, um eine plausible Kostenkalkulation aufzustellen sowie Partner oder Träger zu finden. Stöhnen hilft da nichts, der Bürokratie-Aufwand ist leider ungeheuer hoch. Außerdem habe ich mir angewöhnt, bei den Leuten oder Institutionen, mit denen ich in Tschechien zusammenarbeite, immer erst mal selbst vorbeizugehen. Klappt der persönliche Kontakt, ist alles andere dann kein Problem mehr.

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Wie kam es dazu, dass Du ein „Schutzengel“ wurdest und was genau waren deine Aufgaben und Erfahrungen während des Kulturjahres?

Der Klub der Schutzengel – das ist die Bezeichnung für die Organisation der Freiwilligen, die die Veranstaltungen im Kulturhauptstadtjahr mitgestaltet haben. Ich wollte unbedingt einen Beitrag zum Gelingen von Pilsen 2015 leisten. Bei den Engeln konnte ich dies auf vielfältige Weise – ob bei der Betreuung ausländischer Autoren oder als „Wächterin“ bei Ausstellungen.

Am besten hat mir mein Einsatz bei einem Konzert am Fluss Radbuza gefallen, wo ich Bier zapfen musste. Beim Einschenken habe ich mich um eine ordentliche Schaumkrone bemüht. Den Leuten in der Schlange hat das zu lange gedauert, schließlich haben sie gefragt: „Woher kommst du? Bist du aus der Ukraine?“ „Nein“, habe ich gesagt, „ich bin aus Bayern, da dauert das richtige Zapfen eines Bieres mindestens acht Minuten.“ Da haben sie gelacht. Mein schlimmster Einsatz war in einer interaktiven Ausstellung für Kinder. Dort lag ein riesiges Tablet auf dem Boden, auf dem ein Garten gezeichnet war. Ein virtueller Kater kroch in dem Garten herum. Um ihn zu locken, mussten die Kinder, die mit Dreirädern auf dem Tablet fuhren, rufen: „Koucure, stavej – Kater erscheine!“. Nach vier Stunden Geschrei, Karambolagen, Geheule und der ständig sich wiederholenden Musikschleife war ich mit den Nerven fertig.

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Das Depot2015 von außen…

Wie hat sich Pilsen seit dem Kulturhauptstadtjahr verändert, was ist geblieben?

Die Straßen rund um den historischen Stadtkern sind im Vorfeld von Pilsen 2015 saniert worden, verschiedene Plätze und Parks hat man verschönert oder neu angelegt. Das bleibt natürlich. Der Theaterneubau, der an einen Schweizer Käse aus Beton erinnert, ist in der Öffentlichkeit dagegen ein höchst umstrittenes Überbleibsel des Kulturhauptstadtjahres. Wichtiger finde ich, dass verschiedene Initiativen, die Kultur von unten machen, 2016 ein Folge-Budget erhalten haben. Das betrifft das Kulturzentrum Depo, den Engel-Klub oder einen Verein, der öffentliche Räume neu gestaltet. Gemeinsam haben sie, dass sie die Pilsener ins Boot holen, damit diese selbst kreativ oder ehrenamtlich tätig werden. Die Pilsener waren im Kulturhauptstadtjahr sehr begeisterungsfähig und offen für alles – das sollte man erhalten, damit sich die bunte Kulturszene auch ohne Fördermittel etablieren kann.

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… und innen. (Fotos: BF)

Was ist Dein Lieblingsplatz in Pilsen?

Ich habe nicht nur einen Lieblingsplatz in Pilsen, sondern drei. Die ersten beiden sind am Fluss Radbuza: Městanská Plovarna (Städtisches Schwimmbad) und Depo2015. Die Plovarna, eine ehemalige Fluss-Badeanstalt, ist ein idyllischer Ort, wo man die Seele baumeln lassen kann. Im Sommer finden inzwischen an den Wochenenden immer mal schräge Veranstaltungen statt, bei denen auch am Lagerfeuer gegrillt, gebadet und Kanu gefahren wird. Depo2015, eine ehemalige Straßenbahnhalle, ist zum Veranstaltungszentrum der Kulturhauptstadt umgestaltet worden. Hier gibt es immer wieder neue interessante Ausstellungen, junge Künstler arbeiten in der offenen Werkstatt, im Hof gibt es einen Garten 4.0 aus Obstkisten und gigantische Schrottkunst. Im Cafe kann man leckere Kleinigkeiten essen und Musik hören. Depo2015 ist ein Ort mit sehr lebendiger Atmosphäre. Im Stadtzentrum befindet sich das Theatrum Mundi: Dieses riesengroße Tableau an einer Hauswand in der Nähe der Stadtmauer zeigt die Persönlichkeiten, die für Pilsens Historie wichtig waren – inklusive dem Engel und dem Kamel. Das Theatrum Mundi mag ich, weil es die Pilsener Geschichte mit einem Augenzwinkern erzählt.

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Am Fluss Radbuza (Foto: BF)

Und was ist dein Lieblingsplatz in München?

In der Thalkirchener Straße gibt es das Antiquariat Lugauer. Dort schaue ich gerne mal rein und stöbere nach Büchern böhmischer Autoren. Meistens werde ich fündig. Die Leute im Laden geben auch gerne Tipps. Außerdem ist direkt vor dem Antiquariat der alte Friedhof, ein ideales Leseparadies.

Auch aus dem Ahoj Minga Reiseführer haben drei Stationen für mich Priorität: das Strudelparadies (da läuft mir jetzt schon das Wasser im Munde zusammen), das Kubula (logisch) und der Salon Irkutsk.


DSC_0013_Frau_Franck web großBeate Franck ist freie Journalistin und Autorin für Print- und Onlinemedien. Sie entwickelt Medien- und Bildungsprojekte sowie Vorträge und geführte Touren. Ihr besonderes Interesse gilt dabei dem tschechischen Nachbarland. Für Medien in Bayern und Prag schreibt sie Reportagen aus Westböhmen. Außerdem sucht sie für Familienforscher nach Spuren von Personen und Ereignissen im Ascher Land.

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