Stammtisch im August

Sommerloch? Nichts los außer am Eisbach rumhängen? Nicht mit uns!
Damit auch im August noch ein bisschen Spannung aufkommt, veranstalten wir diesmal einen Überraschungsstammtisch. Die Zeit – Dienstag, 28. August, 19 Uhr – könnt ihr euch schon einmal vormerken. Den Ort und die Umstände verraten wir zwei Tage vorher, also am Sonntag, dem 26. August.

 

* Tadaa! Es geht ins Bamberger Haus (Brunnerstraße 2) im wunderschönen schattigen Luitpoldpark. Im Biergarten könnt ihr nach den Luftballons Ausschau halten – dort sind wir. Wir freuen uns auf neue und altbekannte Gesichter! *

PS: Wenn ihr einen Vorschlag für eine tolle neue Bar/Kneipe/Restaurant für die nächsten Stammtische habt – schreibt ihn uns doch in den Kommentaren zum nächsten Stammtisch auf Facebook.

Der Man-Booker-Literaturpreis 2018 geht nach Polen! – Lektüreempfehlung „Unrast“ von Olga Tokarczuk

Ihr sucht neuen Lesestoff für den Sommerurlaub? Da hilft Ahoj Nachbarn gern. Eine Empfehlung unserer Literaturkritikerin Iwona:

Dieses Jahr geht der hochdotierte internationale Man-Booker-Literaturpreis nach Polen. Die polnische Autorin Olga Tokarczuk und die US-amerikanische Übersetzerin Jennifer Croft teilen sich die Auszeichnung für den Roman „Bieguni“. Der wichtigste Literaturpreis Großbritanniens prämiert ausländische Werke, die ins Englische übersetzt wurden. Tokarczuk ist die erste Polin, die die renommierte Auszeichnung erhält. Die Jury lobte den „wundervollen Esprit, die Fantasie und die literarische Ausdruckskraft“ wie auch die Ironie der Autorin. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel «Unrast» erschienen.

Buchcover Unrast (Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2009)

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2009

Ich habe „Unrast“ mehrmals gelesen, weil es kein richtiger Roman ist. Es ist ein sehr originelles und ungewöhnliches Buch, da es nicht eindeutig einem bestimmten literarischen Genre zugeordnet werden kann. Es besteht aus kürzeren und längeren Fragmenten, Essays, Kolumnen, Geschichten, Biographien und Anekdoten.
Im Buch dreht sich alles um das Reisen, aber dabei berührt es auch eine ganze Reihe anderer Aspekte. Es geht auch um Sprache, Liebe, Anatomie, Medizin, Bücher, Wissenschaft und sogar Wachsmodelle. Ich bin überzeugt, dass jeder hier etwas für sich finden kann. Das Buch regt zur Neugier an und und dazu, mehr wissen zu wollen.
Einige im Buch beschriebene Szenen bleiben lange im Kopf und zwingen zum Nachdenken.

Da ist die Geschichte eines Mannes, der seine Frau auf einer Insel verloren hat. Eine junge Frau, die an den Kaiser von Österreich schreibt, mit der Bitte, den Körper ihres Vaters an sie zu übergeben, der nach dem Tod als Wachsfigur öffentlich zur Schau gestellt wurde. Ebenso berührend ist die Geschichte eines allein lebenden Mannes, dem ein Bein amputiert wurde. Diese kleinen Geschichten machen das Buch lesenswert. Durch die Betrachtung verschiedener Aspekte der Reise, nicht nur im Wortsinn, sondern auch im übertragenen Sinne, kann man das Leben und sich selbst aus einer anderen Perspektive betrachten.

Polnisches Buchcover von "Unrast" - Wydawnictwo Literackie

Polnisches Buchcover von „Unrast“ – Wydawnictwo Literackie

Das Buch kann nach dem Zufallsprinzip gelesen werden, es ist durch seinen fragmentarischen Aufbau nicht notwendig, es von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Das ist typisch für die Werke von Olga Tokarczuk. Ich lese sie oft und jedes Mal entdecke ich etwas Neues.

Kurz gesagt: „Unrast“ ist die beste Metapher für unsere moderne Zeit, die ich in der Literatur gefunden habe. Durch das scheinbare Chaos der Form beschreibt Tokarczuk das heutige Leben, die Eile und Informationsflut, mit der wir jeden Tag zu kämpfen haben. Von ganzem Herzen empfehle ich es jedem, dieses Buch zu lesen.

Katholische Klöster und osteuropäische Juden

Liebe Münchner,

heute gibt es einen ganz besonderen Ausflugstipp und zwar ins Kloster.
Etwa eine Stunde von München entfernt liegt die beschauliche Abtei St. Ottilien. Diese ist dank Hofladen, schöner Umgebung und nettem Biergarten auch sonst einen Ausflug wert, zur Zeit aber aus einem ganz bestimmten Grund noch mehr: Seit Mitte Juni befindet sich hier eine Ausstellung über die Zeit des Klosters als Lager für vor allem jüdische Displaced Persons nach dem Zweiten Weltkrieg. Der von den Aliierten eingeführte Begriff bezeichnet Ausländer, die sich aufgrund des Krieges nicht in ihrem Heimatort aufhielten. In St. Ottilien waren dies über 5000 Überlebende aus Osteuropa, die zwischen 1945 und 1948 dort lebten.

Eröffnung der Ausstellung. Foto: Ahoj Nachbarn

Eröffnung der Ausstellung. Foto: Ahoj Nachbarn

Nach St. Otttilien kamen sie aufgrund eines tragischen Unglücks. Im Glauben einen deutschen Militärtransport zu bombardieren, trafen die Aliierten in den letzten Kriegstagen einen Transport von Häftlingen aus den KZ-Außenlagern Kauferings. Die Verletzten wurden in das Militärlazarett St. Ottilien gebracht und verbrachten dort zum Teil mehrere Jahre. In dem Kloster entwickelte sich in dieser Zeit eine lebendige jüdisch-osteuropäische Kultur.

Öffentlicher Rundgang durch das Gelände. Foto: Ahoj Nachbarn

Öffentlicher Rundgang durch das Gelände. Foto: Ahoj Nachbarn

St. Ottilien hat nun zusammen mit dem Jüdischen Museum München und dem Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der LMU München eine Ausstellung über diese ungewöhnliche Zeit erstellt, die noch bis zum 23. September 2018 zu sehen sein wird. Mit Tafeln im Außengelände und mehreren Audiostationen vermittelt diese das damalige Geschehen. Am 8. Juli, 5. August und 2. September finden zudem öffentliche Rundgänge statt.
Besonders spannend: Zur Eröffnung der Ausstellung war nicht nur viel lokale Prominenz vor Ort, sondern auch sogenannte Ottilien-Babys. Frauen und Männer also, die in St. Ottilien selbst geboren worden waren und häufig von weit her, sogar aus Australien, angereist waren.

Filmfest München

Liebe Filmfreunde,

dank der bunten Plakate überall in der Stadt habt ihr vielleicht schon gesehen, dass das Filmfest München begonnen hat. Noch bis zum 7. Juli zeigen zahlreiche Kinos im Stadtzentrum frische internationale Filme und ermöglichen Gespräche mit Regisseuren, Schauspielern und Produzenten.

Natürlich würde man sich da am liebsten parallel in alle Kinos setzen und nicht mehr gehen. Um die Auswahl zu erleichtern möchten wir hier deshalb auf ein paar osteuropäische Sahnehäubchen aufmerksam machen:

Dieses Mal gibt es gleich zwei Filmen aus der Ukraine, von zwei der bekanntesten ukrainischen Regisseure: DONBASS (Regie: Sergei Loznitsa), der, wie der Name schon vermuten lässt, den Krieg in der Ostukraine beleuchtet. In kurzen Einblicken berichtet der Film über das Leben im Kriegsbegiet, aber auch über Fake News und journalistische Arbeit vor Ort.
VULKAN (Regie: Roman Bondarchu) erzählt die Geschichte eines Übersetzers, der im Rahmen einer OSZE-Mission in den Süden der Ukraine kommt und eine Welt voller Schönheit und paradoxem Witz inmitten der Widrigkeiten des Lebens in der Krimkrise entdeckt.

 

Im polnischen Film NINA (Regie: Olga Chajdas) geht es um eine unerwartete Liebe: Ein Pärchen sucht eine Leihmutter und glaubt, in Magda die Richtige gefunden zu haben. Um sie zu überzeugen, wollen sie sie gemeinsam verführen. Das führt allerdings zu unerwarteten Entwicklungen.

Zwar ein spanisch-argentinischer Film, aber einer auch der in Polen spielt: EL ÚLTIMO TRAJE: Abraham, ein 88 Jahre alter, kauziger, gewiefter Schneider, macht sich auf, ein altes Versprechen einzulösen. Er begibt sich auf die abenteuerliche Reise von Buenos Aires nach Polen, um nicht ins Seniorenheim gesteckt zu werden und einem alten Freund einen Anzug zu bringen. Der Freund hat ihm einst vor sieben Dekaden während des Holocaust das Leben gerettet.

 

Der Film NAMME (Regie: Zaza Khalvashi) aus Georgien thematisiert den Konflikt zwischen Moderne und überlieferten Lebensweisen: Seit Generationen hütet die Familie von Alie eine Heilquelle für die Dorfbewohner. Doch alle Söhne verlassen ihr Elternhaus, um ganz eigene Ziele zu verfolgen. Nur die jüngste Tochter Namme könnte die Tradition fortsetzen. Parallel wird in der Umgebung ein Wasserkraftwerk erbaut, und eines Tages beginnt plötzlich die Heilquelle zu Versiegen.

 

Auch aus Rumänien gibt es ein Familiendrama: In POROROCA (Regie: Constantin Popescu)  verschwindet plötzlich die fünfjährige Maria. Ihr Vater sucht überall, aber weder er noch die verständigte Hilfe kann die Kleine finden. Der Schmerz ist unermesslich. Zugleich suchen die Eltern in der angespannten Stille nach dem fehlenden Puzzlestück. Ein weiteres herausragendes Zeugnis des modernen rumänischen Kinos.

 

Zu guter Letzt noch ein Film aus Russland: ANNA’S WAR (Regie: Aleksey Fedorchenko) spielt während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion. Das jüdische Mädchen Anna kann sich aus einem Massengrab retten und findet ein Versteck im alten Kamin des Kommandantenbüros. Von hier aus beobachtet sie den Krieg. Nachts macht sie sich auf die Suche nach Fundstücken, die ihr beim Überleben helfen.

 

Viel Spaß beim Schauen!